Zwischen Präzision und Zufall

Vorschau Blickfang Zürich mit Mageceramics

Portrait von Marc Gerber

In seinem Atelier arbeitet Marc Gerber gerne an verschiedenen Projekten gleichzeitig.

Vom 17.–19. November zieht mit der Blickfang wieder eine Fülle an spannenden Labels und Kreativen aus den Bereichen Wohnen, Mode und Accessoires ins Zürcher Kongresshaus ein. Drei von ihnen erzählen uns im Interview mehr über ihr Schaffen, ihren Alltag und ihre Produkte. Hier berichtet uns Marc Gerber von Mageceramics von seiner Arbeit mit Keramik.


Wie ist dein Label entstanden und was ist die Idee dahinter?
Marc Gerber: Ich stelle handgedrehte Keramik, Gebrauchsgegenstände und Ausstellungsstücke aus Steinzeug und Porzellan her. Die Idee ist, keramische Produkte zu schaffen, in die viele Überlegungen zu Ästhetik und Funktion und viel Gefühl und Herzblut einfliessen, damit sie hoffentlich möglichst lange genutzt werden und gefallen.

Da die Recherche und das kontinuierliche Experimentieren ganz wichtiger Bestandteil meiner Arbeit sind, möchte ich sagen, mein Label sei immer erst noch am Entstehen und es sei schwierig zu sagen, wann es dann fertig entstanden sein wird.

Mit welchem Material arbeitest du am liebsten und was begeistert dich daran?
MG: Sowohl Steinzeugton wie auch Porzellan lassen sehr intuitive und «flüssige» Gestaltung mit blossen Händen zu. Während dem Brand sintert das Material zu steinharten Objekten, die theoretisch Jahrtausende überstehen können und dabei immer noch die leichte, flüssige Gestaltung aufweisen. Diese zwei stark kontrastierenden Zustände der hohen Plastizität und langlebigen Festigkeit faszinieren mich sehr.

Hinter jedem Produkt steckt jeweils ein langer Entwicklungsprozess. Welche Arbeitsschritte sind deine liebsten?
MG: Das erste Eintauchen in eine neue Idee ist meistens verbunden mit einer sehr freien und intuitiven Drehsession, bei der viele spontane Entwürfe entstehen. Dieses ganz unbeschwerte Drehen gehört bestimmt zu den schönsten Schritten eines neuen Designs. Alles voller Hoffnung, voller Erwartung und Neugier. Nicht selten überträgt sich diese Unbeschwertheit in die frühen dreidimensionalen Visualisierungen und es entstehen so manche meiner liebsten Einzelstücke, die dann wiederum als Vorlage und zur Inspiration dienen.

runde Vase mit Textur auf Drehscheibe

Die charakteristischen Texturen entstehen mit viel Sorgfalt an der Drehscheibe.

Tassen aus Keramik auf Trockenregal

Wichtig: Vor dem Brand müssen Marc Gerbers Objekte gleichmässig trocknen.

Welchen Anspruch hast du an modernes, zeitgenössisches Design?
MG: In Anbetracht des materiellen Überflusses stellen sich bei der Herstellung klar die Fragen, was wir wozu brauchen und wodurch ein Design nachhaltig ist. Bei der Entwicklung von Gebrauchskeramik ist die Grundfunktion in vielen Fällen schon gegeben, brauchen wir Menschen bestimmte Gegenstände ja schon seit tausenden von Jahren. Im Detail wird aber natürlich auch die Funktion ständig reflektiert und angepasst.

Soll ein Gegenstand ausserdem ein Leben oder sogar Generationen lang in Gebrauch sein, muss auch die Ästhetik gut altern können. Es scheint mir, ein Objekt müsste Aspekte aussergewöhnlicher, zeitgemässer wie auch zeitloser Gestaltung enthalten und zusätzlich in der visuellen Sprache der Künstlerin/des Künstlers formuliert sein. Gelingt das ansatzweise, erfreuen die Handhabung sowie die Ästhetik im Idealfall jeden Tag aufs Neue und lassen selten bis nie den Wunsch nach Ablösung aufkommen.

Wie sieht dein Arbeitsplatz aus und wie hilft er dir, kreativ zu sein?
MG: Im Gegensatz zur Ausstellungssituation, die zwar auch klare Verbindung zur Ateliersituation hat, ist mein Arbeitsplatz chaotischer. Oft laufen mehrere Projekte in verschiedenen Ecken gleichzeitig. Es kommt vor, dass innerhalb einer Woche mal nass gedreht wird, aus mineralischen Rohstoffen keramische Glasuren gemischt werden, für die nächste Ausstellung neue Möbel gezimmert und in einer improvisierten Studiosituation Objekte aus dem jüngsten Brand fotografiert werden.

Wie wohl bei jedem kreativen Schaffen wechseln sich auch bei meiner Tätigkeit produktive Phasen und Momente der Unsicherheit ab. Wenn neue Inspiration einen aber richtig beflügelt und zu waghalsigen Versuchen treibt, soll der Arbeitsplatz unbedingt die Möglichkeiten zur Umsetzung bieten.

Viele Stücke von mageceramics leben vom Spannungsfeld zwischen Präzision und Zufall

Marc Gerber ist es wichtig, dass auch die Ästhetik seiner Produkte gut altert.

Alltagstauglich: Krug mit oxidierter Glasur

Von Marc Gerbers Objekten ist keines zu 100% gleich wie das andere.

Auf der Blickfang treffen stets viele spannende Labels aufeinander. Wie tauschst du dich mit anderen Kreativen aus?
MG: Die Begegnungen bieten Gelegenheit, sich über Dinge mit Menschen auszutauschen, die mit ähnlichen oder ganz anderen Medien arbeiten, als Label möglicherweise an einem vergleichbaren Punkt stehen und vergleichbare Erfahrungen machen. Daraus entstehen wertvolle Bekanntschaften und Kollaborationen, oder auch einfach wohltuende gegenseitige Wertschätzung.

Man freut sich, den Standnachbarn vom letzten Mal anzutreffen, borgt beim Aufbau das Klebeband von der einen und leiht dem andern den Schrauber, dazwischen werden immer wieder einige Worte gewechselt und dann wird sicher auch bei einem Rundgang durch die Ausstellung nochmals ausgetauscht und Inspiration geschöpft. Ein Punkt, der mich neben den Menschen und Produkten selber immer wieder brennend interessiert, ist die Standgestaltung und Präsentation der anderen Labels mit allen damit verbundenen Details.

Welches Produkt aus deinem Sortiment ist dein Liebling und warum?
MG: Ein Objekt ist vielleicht technisch sehr anspruchsvoll und gelingt nicht immer gleich gut. Oder es fliessen sowohl klare Absicht wie auch Zufall in die Gestaltung ein und resultieren mit Glück in einem sehr stimmigen Ausdruck. Das spräche für meine stark texturierten Vasen, von denen die besten sicher zu meinen Lieblingsstücken gehören.

Bei Tassen auf der anderen Seite kann es sein, dass ich alle einzelnen Aspekte des Designs von der Tonmischung über die allgemeine Form, das Volumen, den Henkel, Trinkrand und Boden bis hin zur Glasurentwicklung in material- und zeitaufwendigen Recherchen erprobt und festgelegt habe. Infolgedessen kann die Tasse von aussen her zwar sehr schlicht wirken, jedoch am Ende eines sehr langen Prozesses stehen, durch den die designtechnischen Entscheidungen für mich fundiert begründet sind.

Worauf freust du dich am Messewochenende besonders?
MG:
Auf die Besucher*innen, den Austausch, die Wertschätzung und hoffentlich die finanzielle Entlastung. In Bezug auf meine Keramik freue ich mich sehr auf drei Tage des Seins, wohingegen sonst alles immer im Werden ist.

 

Mageceramics vom 17. - 19. November an der Blickfang Zürich entdecken: www.blickfang.com