Blick in die Glaskugel

Ausstellung «Designlabor: Material und Technik»

Verschiedenfarbige Polystyrolpartikel verschmolzen das Schweizer Designduos Kueng Caputo zu einer Platte. Beleuchtet wird diese von einer einfachen Neonröhre und taucht die Umgebung in ein farbenfrohes Lichtspiel. 

Keramik aus dem 3D-Drucker? Kleidung, die morgens beim Aufstehen hilft? Schuhe aus Bakterien statt Leder? Hört sich das für Sie auch nach Science-Fiction an? Doch diese Realität ist bereits zum Greifen nah.

Durch die Digitalisierung und das Bestreben nach grösserer Nachhaltigkeit sind Materialfragen heute aktueller denn je. Die momentane Ausstellung «Designlabor: Material und Technik» im Museum für Gestaltung in Zürich präsentiert eine Auswahl vielversprechender Projekte.

Wir haben der Kuratorin der Ausstellung, Karin Gimmi, ein paar Fragen gestellt und einen Blick in die Zukunft gewagt.

Frau Gimmi, was sind die heutigen Anforderungen an neue Materialien?

Vieles dreht sich momentan um den materiellen Überfluss, um Abfall und zu schnell Weggeworfenes. Gleichzeitig muss Material technologisch immer mehr können – und dabei leichter und kleiner werden.

 

Was macht für Sie einen guten Werkstoff des 21. Jahrhunderts aus?

Ein grosses Problem am Lebensende eines Industrieprodukts stellen die Verbundstoffe dar. Wenn beispielsweise ein neuer Holzstuhl von Jörg Boner in Zusammenarbeit mit Stattmann Neue Möbel auf herkömmliche Metalldübel und Kunststoffgleiter verzichtet, und stattdessen in Wachs getränkte Textilstifte und Naturkautschuk verwendet, geht das in die richtige Richtung.

Direkt vom Computer gesteuert und werden mit «Smart Dynamic Casting» nicht mehr nur Prototypen, sondern gleich ganze Architekturelemente im Massstab 1:1 erstellt. 

 

Ein Lagermitarbeiter in Catanduanes trägt die Qwstion Hip Pouch aus Bananatex® – ein Material, das aus einer bestimmten Bananenstaude gefertigt wird. 

Kuhmägen, ein tägliches Nebenprodukt der Fleischindustrie, erhalten dank Designer Billie van Katwijk ein luxuriöses Leben nach dem Tod – beispielsweise verarbeitet zu schönen Handtaschen. 

Ebenfalls von Billie van Katwijk stammen die «Mudernism»-Vasen aus Kaumera®, einem biobasierten Granulat aus Klärschlamm. 

Der formschöne «Curv Chair» von Jörg Boner verzichtet auf herkömmliche Metalldübel und Kunststoffgleiter. 

Was erwartet die Besucher der Ausstellung?

Eine Auswahl zeitgenössischer Projekte, zum Teil eben erst fertiggestellt. Der Beton ist noch frisch, das Pilzkomposit olfaktorisch präsent in der Ausstellung. Die Spannbreite der Exponate reicht dabei von Experimenten mit traditionellen Materialien (Ton, Holz, Beton, Textilien) bis zu Visionen von Stoffen, deren Potenzial noch gar nicht oder erst ansatzweise entdeckt ist (Pilze, Eierschalen). 

Der Hands-on-Bereich lädt zum aktiven Austausch mit den Besucherinnen und Besuchern ein: hier darf angefasst, ausprobiert und selbst gestaltet werden.  

 

Welche Materialien oder Herstellungsprozesse haben Ihrer Meinung nach das grösste Potenzial?

Die Digitalisierung hat mitunter zu einem neuerlichen Interesse an der Handarbeit geführt: Keramik steht aktuell hoch im Kurs. Deren Verarbeitungstechnologien sind kaum Grenzen gesetzt.

 

Keramik aus dem 3D-Drucker, Kleidung, die beim Aufstehen hilft, oder Fliesen aus Pilzkulturen – was könnte langfristig sonst noch möglich sein?

Auch mit Algen wird experimentiert, allerdings sind die konkreten Anwendungsgebiete dieses natürlichen und nachwachsenden Materials noch sehr unklar. Die Entwicklung läuft grundsätzlich dahin, bestehende Materialeigenschaften zu optimieren. 

Aus einem einzigen Faden und mit Hilfe einer halbautomatischen Strickmaschine fertigt Cécile Feilchenfeldt dreidimensionale, tragbare Strick-Entwürfe. 

Ihre Spezialität ist es, traditionelle Stricktechniken mit neuen Fasern zu kombinieren und dadurch erstaunliche Ergebnisse zu erzielen.

Welche Rolle könnten Sinneswahrnehmungen bei Medikamenten und Heilungsprozessen in Zukunft spielen? Clemens Winklers Glycerin-Seife reagiert unterschiedlich auf Körpertemperaturen und Blutdruckwerte. 

Bei der Performance «Made with Pleasure!» von Romain Kloeckner werden Vasen geschossen anstatt getöpfert.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 05. April 2020 im Museum für Gestaltung Zürich.

An jedem ersten Sonntag im Monat findet die Performance «Made with Pleasure!» statt.

Pfingstweidstrasse 96
8005 Zürich