Transformiert euch mit Design!

Design für die Zukunft der Energie

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein, ein Steinwurf von Basel entfernt, ist über das Dreiländereck hinaus bekannt für stilvolle und durchdachte Ausstellungen, die mit dem hohen Anspruch von Vitra an Design daherkommen. Obwohl das Thema «Zukunft der Energie» einem breiten Publikum in die Hände spielt, hat sich das Museum gewagt, ein so technisches Thema aus ihrem Blickwinkel zu präsentieren.

Die neue Ausstellung «Transform! Design und Zukunft der Energie» stellt den Menschen in den Mittelpunkt, richtet den Blick dann auf Alltagsobjekte und weitet die Sichtweise auf die Stadt und unsere ganze Energielandschaft aus. Um diese Vielfalt zu veranschaulichen, sind verschiedene Exponate in der Ausstellung zu finden: neues und innovatives Produktdesign, gewagte Designansätze, Fahrzeuge, Möbel, Filme und Fotografien sowie Leuchtturmprojekte aus der Architektur.

«Bei der dafür notwendigen Transformation spielt Design eine zentrale Rolle, denn sämtliche Bauten und Produkte für die Gewinnung, Verteilung und Nutzung von Energie werden vom Menschen gestaltet», schreibt Museumsdirektor Mateo Kries im umfangreichen Katalog zur Ausstellung.

Eine Ansammlung von Windrädern

Die «Solar Do-Nothing»-Maschine von Charles und Ray Eames aus dem Jahre 1957.

Design kann helfen

Ich bin neugierig, wie die Macher des Vitra Museum die Transformation des Energiesektors interpretiert und dieses breite Thema in der eigenen Designsprache visualisiert - und nehme einen Augenschein vor Ort. Ein Besuch lohnt sich schliesslich nicht nur, um sich eine Ausstellung anzuschauen, sondern ich staune jedes Mal wieder über die architektonisch herausragenden Gebäude von Frank Gehry, Zaha Hadid und Tadoa Ando.

Das Spektrum, wie Design den Klimawandel veranschaulichen kann, ist vielfältig: vom simplen Alltagsprodukt bis zur Gestaltung von Solar- oder Windkraftanlagen, von smarten Mobilitätskonzepten und Verkehrsnutzung, über Architektur und Kreislaufwirtschaft bis zur Vision von energieautarken Städten. Wie kann Design dazu beitragen, dass erneuerbare Energien mit einem Anspruch an Design und Ästhetik im Alltag integriert werden?

Thema schafft einen leichten Zugang

Mit «Transform! Design und Zukunft der Energie» hat das Museum eine sehr zugängliche und für ein breites Publikum gedachte Ausstellung geschaffen. Die Besucher:innen werden zum Mitmachen und zum Ausprobieren eingeladen. Ich streife durch einen Wald von Plakaten und Protestschildern, Handzetteln und Flugblättern, von denen ich die Anti-Atom-Bewegung mit der roten, strahlenden Sonne selbst noch kenne.

Im zweiten Raum gibt es zahlreiche Objekte und Prototypen, die zwar noch vage Experimente darstellen, aber eine Richtung vorgeben: Kleider, die mit Solarpanels ausgestattet sind (Pauline von Dongen) oder Shirts mit Stoffpaneelen. Der «Hydrogen Cooker» von Stefan Troendle ist der Prototyp einer Kochvorrichtung, die mit grünem Wasserstoff betrieben wird. Tobias Trübenbachers Strassenlaterne versorgt sich über ein integriertes Windrad selbst mit Energie oder Marjan van Aubels Hängeleuchte mit dem Schweizerdeutsch klingenden Namen «Sunne» ist solarbetrieben und ahmt mit ihrem atmosphärischen Licht das Sonnenlicht nach. Natürlich darf dort auch nicht die «Solar Do-Nothing Machine» von Ray und Charles Eames nicht fehlen, die bereits in den 1950er-Jahren Sonnenenergie nutzen, um Skulpturen des Künstlerpaars anzutreiben.

Das Solar-Shirt von Pauline van Dongen.

Der Hydrogen-Cooker von Stefan Troendle.

Die Strassenlaterne von Tobias Trübenbacher wird mit Windenergie betrieben.

Diese Tapisserie funktioniert mit Strom aus Solarenergie. 

Die Skulptur «Helio» von Léon Felix. 

Vom Konzept über das Experiment eröffnen sich mir im dritten Raum nun konkrete Lösungen aus der Architektur . Die Baubranche trägt schliesslich erheblich zum CO₂-Ausstoss bei. Ein Haus, das mehr Energie produziert, als es braucht oder das Plusenergie-Quartier P18 in Bad Cannstatt von Werner Sobek, welches autark beheizt wird, sind nur einige Beispiele. Besonders spannend fand ich das «Day After House» von TAKK architecture. Dort geht es zur Abwechslung nicht um Häuser, die neu gebaut wurden, sondern um einen Umbau. Ganz ohne Hightech, sondern durch ein cleveres Raumkonzept mit verschiedenen Klimazonen und natürlichen Dämmstoffen muss das Apartment wenig bis gar nicht geheizt werden.

Beim «Day After House» haben die Macher vom Architekturbüro TAKK mit cleveren Raumaufteilungen Energie sparen können. 

Das Modell der Solarstadt «Solarville» von Space10.

In Hamburg wird seit 2015 ein alter Bunker für die Energiegewinnung genutzt. 

Lösungen von der ECAL bis zu Rem Koolhaas

Die Ausstellung widmet sich natürlich auch dem wichtigen Bereich der Mobilität. So steht mitten im Raum ein neuartiges Solarauto, das mit einer Solarzellenfläche von rund 2,5 Quadratmetern eine Reichweite von bis zu 500 km erreichen soll. In einer Gesellschaft, in der Menschen sich immer mehr Pakete nach Hause liefern lassen, ist das E-Cargobike von ONO naheliegend. 

CO₂-Emissionen können aber nur nachhaltig reduziert werden, wenn sich ganze Städte und Landschaften verändern. Damit muss sich die Energiegewinnung selbst verändern: Student:innen der Designschule ECAL in Lausanne haben dazu Windradmodelle für die Insel Fogo in Kanada entworfen. Ich begegne – wie oft bei Zukunftsfragen – auch dem Architekten Rem Koolhaas und seinem Think-Tank AMO. Dort geht es ebenfalls um einen utopischen Ansatz von Wasserkraft.

Das neuartige Solarauto «Covestro» aus Deutschland. 

Das E-Cargobike ONO.

Ein Windrad, konzipiert von Student:innen der ECAL in Lausanne.

Die Ausstellung im Vitra Design Museum zeigt für mich auf, dass wir die Energiewende ohne smarte Designs und die ansprechende Gestaltung von Alltagsgegenständen nicht schaffen können. Design kann ein Hebel sein – und entscheidet darüber, ob neue Lösungen letztlich akzeptiert und genutzt werden.

Ich kann mein eigenes Verhalten nur verändern, wenn mir Architekt:innen und Designer:innen aufzeigen, wie ich energiearme Objekte oder Fahrzeuge in meinem täglichen Ablauf einsetzen kann. Sie sollen dabei auch gut aussehen, sodass ich Lust daran finde, sie zu verwenden. Dass das Thema Energie eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit ist, unterstreicht die Ausstellung mit ihren Beispielen nicht. Aber sie zeigt auf, dass es viele Chancen gibt, Energie neu zu gestalten und zu entwickeln.

Futuristisch wird es in der Ausstellung auch: Das Konzept der «Floating Cities» taucht ebenfalls auf. 

Energie aus Solarpanels im Weltall gewinnen ist eine Idee, an der seit Jahrzehnten gearbeitet wird. 

«Transform! Design und Zukunft der Energie», vom 23. März bis zum 1. September 2024, kuratiert von Jochen Eisenbrand. Ab dem 29. März gibt es freitags jeweils um 15 Uhr sowie am Wochenende um 12 Uhr eine Führung durch das Museum.