Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau?

Berlinische Galerie

In der deutschen Hauptstadt hat jeder der 173 U-Bahnhöfe ein eigenes Gesicht. Und das nicht zufällig sondern als gestalterisches Prinzip. Eine Zeitreise durch 120 Jahre Architektur- und Designgeschichte.

Der U-Bahnhof «Schlossstrasse» 1974.

Nur drei Architekten planten den Grossteil der im Laufe von 120 Jahren erbauten U-Stationen Berlins: Der aus Schweden stammende Architekt Alfred Grenander (1900 bis 1930er Jahre) sowie die Architekten Bruno Grimmek (1950er Jahre) und Rainer Gerhard Rümmler ab ca. 1960.

Während Grenanders Werk eine gewisse Bekanntheit erlangt hat, waren die Entwerfer der Nachkriegs-U-Bahnhöfen lange nur Eingeweihten ein Begriff. Eine wachsende Zahl von Architekten und architekturaffine Bürgern findet insbesondere die insgesamt 58 Bahnhöfe von Rümmler so einzigartig, dass man die Berlinische Galerie dafür gewann, den Bauten der Nachkriegs-U-Bahn einen Platz in ihrer Dauerausstellung zu widmen.

Vorausgegangen war 2017 ein heftiger Streit zwischen den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) und zahlreichen Denkmalexperten, Architekturinstitutionen sowie dem Berliner Landesdenkmalrat um die Sanierungspraxis des Unternehmens: Die BVG hatte im Zuge von Erneuerungsmassnahmen zahlreiche Bahnhöfen der 1960er und 70er Jahre ganz oder teilweise entkernt, womit deren Ausstattung verloren oder stark überformt war. Im Frühjahr 2018 reagierte das Landesdenkmalamt und stellte eine Reihe von Stationen der 1970er und 80er Jahre unter Denkmalschutz.

Die U-Bahn-Station «Richard-Wagner-Platz».

Worin der Wert dieser Bauten liegt, vermittelt eine Fahrt auf der U-Bahn-Linie 7. Auf dieser mit  32,2 Kilometern längsten Strecke der Hauptstadt kann man während der Fahrt die architektonische Stilentwicklung durch sechs Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts verfolgen – von 1920 bis 1985. Der Mittelabschnitt der Strecke zwischen Charlottenburg und Schöneberg ist von Pop-Art Architektur geprägt, inspiriert von der grell plakativen Farbigkeit diese Kunstströmung. So ist etwa der Bahnhof Konstanzer Strasse nahezu unverfälscht im Stil seiner Entstehung (1969-72) erhalten. Der dunkle Asphalt-Boden bringt die orangen Farbfelder und gelben Streifen der Wände besonders intensiv zur Wirkung. Beschirmt wird alles von einer leuchtend gelben Decke. Die metallisch ummantelten Stützen machen deutlich, wie fliessend die Grenze diese Architektur zum Design ist.

Der Oberbaurat, später Baudirektor hinterliess in Berlin auch zahlreiche oberirdischer Bauten, insgesamt 170 realisierte Werke. Drei Prämissen leiteten sein Entwerfen: Die Architektur der U-Bahnhöfe sollte mit den Fahrgästen in Dialog treten, also kommunikative Elemente enthalten, die die Orientierung erleichtern und zugleich Vertrautheit wecken. Ziel waren «unverwechselbare Orte» unter der Erde; dies korrespondiert mit dem zweiten Grundsatz, jeden Bahnhof baukünstlerisch in grösstmöglicher Tiefe durchzugestalten. Umso intensiver widmete er sich der Gestaltung von Wänden, Decken und den Aufbauten der Bahnsteige, wo er seine Freiräume fand. Rümmlers drittes Prinzip war, das er bewusst gestalterische Moden aufgriff und für seine Zwecke adaptierte; das kann man mögen oder nicht. Hätte er sich weniger bereitwillig von Moden leiten lassen, dann wären seine Bahnhöfe heute nicht in so exemplarischer Weise Kind ihrer Zeit.

 

U-Bahn-Station «Spichernstrasse» um 1957 von Bruno Grimmek. 

U-Bahnsymbol von Rainer G Rümmler. 

«Kerberos» von Walter Grzimek, aufgestellt im U-Bahnhof Rathaus Steglitz (1974).

Installationsansicht der Ausstellung «Underground Architecture» in der Berlinischen Galerie.

Bis heute scheiden sich die Geister über Rümmlers Schaffen: Die einen sind begeistert über seinen schier unerschöpflichen Ideenreichtum und die schillernde Formen- und Farbenpalette seiner Schöpfungen. Die anderen sehen in dieser architecture parlante nichts als überschmückten Kitsch.

Die Ausstellung in der Berlinischen Galerie gibt mit zahlreichen Originalzeichnungen Einblicke in die kreative Vielseitigkeit Rümmlers. Ebenfalls dokumentiert sind stringenten, nicht weniger reizvollen Werke Bruno Grimmek und Werner Düttmanns, der ebenfalls drei Bahnhöfe entwarf. Verena Pfeiffer-Kloss hat dem U-Bahn-Bau der Nachkriegszeit in Berlin zudem ein kurzweiliges, reich bebildertes Buch gewidmet, das diese Ära dokumentiert.

 

Underground Architecture: Berliner U-Bahnhöfe 1953–1994
Bis 20. Mai 2019 
Berlinischen Galerie