Lisas Visionen oder die Vorstufen der Realität

Visualisiert Architektur

Ich treffe Lisa Looser auf einen Kaffee, kurz vor ihrem Meeting mit Allegra Trails, einem Unternehmen, das Cross-Country-Mountainbike Trails entwickelt. Eigentlich dachte ich ja, Lisa visualisiert Architektur. Was hat also bitteschön Velofahren auf einem Wegli über Stock und Stein damit zu tun? «Naja, es geht um das Bauen von Steilwandkurven und Geröllfeldern. Damit die Allegra Trails GmbH ihren Kunden diese Tracks dar- und vorstellen kann, braucht es meine Visualisierungen.» Macht Sinn, denn ein gutes dreidimensionales Vorstellungsvermögen bekommt nicht jeder in die Wiege gelegt. Mein Laienhaftes produziert sofort das Bild einer am Computer sitzenden Lisa, über ihr, in einer Comicblase schwebend, eine virtuelle Achterbahn für Mountainbikes ... 

Architektin Lisa Looser bietet mit 3dRender professionelle (und äusserst sympathische!) Begleitung und Umsetzung von der Skizze bis zum fertigen Bild, sprich bis zur visuellen Umsetzung von Entwürfen. 

Das ist aber schon eher ein Ausnahme-Job/Projekt für dich, oder?
Lisa Looser:
Ja. Es handelt sich dabei eigentlich eher um eine Grafiker-Arbeit, da ich hier ausschliesslich mit Photoshop arbeite; es beinhaltet also kein 3D-Aufbau im engeren Sinn. Allegra Trails baut die Tracks direkt vor Ort, erstellt also keine Pläne. Daher war es bei diesem Projekt so, dass ich mit einer Fotoaufnahme des Geländes arbeitete, um die die Visualisierung aufzubauen; eingetragene Pfeile gaben darüber Aufschluss, wo die einzelnen Elemente wie Steilhangkurven etc. geplant waren. Für Angaben zu Höhen und Radien orientierte ich mich an Referenzbildern. Gerade bei dieser Art von Projekt hilft es natürlich, ein sehr gutes dreidimensionales Vorstellungsvermögen zu haben. Normalerweise erhalte ich Pläne – dwg, dxf, also CAD-Grundlagen –, die baue ich dann dreidimensional auf. Nach allfälligen Anpassungen und Korrekturen von Seiten der Kunden geht der Prozess dann weiter, indem ich das 3D visualisiere, also rendere. Da kommen dann beispielsweise Lichteinstellungen dazu.

 

Was braucht es denn sonst noch, um eine gute Visualisierung zu erstellen?
LL:
Die Fähigkeit eine Stimmung zu kreieren. Gerade bei ungebauten Projekten ist es wichtig, ein gewisses Gefühl generieren zu können. Du gibst dem zukünftigen Nutzer eine Vision mit. Bei Wohnraum müssen beispielsweise Begriffe wie «gemütlich», «modern» und «luftig» visuell umgesetzt werden. 

 

Nun gibt es ja immer mehr dieser fotorealistischen Visualisierungen, die teils kaum von einem richtigen Foto zu unterscheiden sind …
LL:
Ich tendiere bei meinen Arbeiten eher dazu, dass erkennbar bleibt, dass es sich um eine Visualisierung handelt und die Darstellung nicht versucht, ein Foto zu sein. Aus diesem Grund kann es dann auch vorkommen, dass ich eine Handskizze in ein Projekt einfliessen lasse. Es gibt so viele unterschiedliche Arten und Methoden, wie man etwas bildlich darstellen kann; eine Handskizze kann für ein gewisses Projekt möglicherweise genau die richtige Aussagekraft haben. So sind beispielsweise bei Wettbewerben gewisse Details oft noch undefiniert, trotzdem möchte man das Projekt veranschaulichend präsentieren. Sobald man mit Farbe und der Darstellung von Materialien arbeitet, macht man jedoch eine Aussage, die möglicherweise in diesem Rahmen gar nicht erwünscht ist. Wenn es hingegen um Objekte geht, die zum Verkauf angeboten werden sollen, wie etwa Eigentumswohnungen, macht eine fotorealistische Darstellung unter Umständen durchaus Sinn. 

 

Dann bist du nicht per se gegen Visualisierungen, die vormachen, ein Foto zu sein?
LL:
Nein, es braucht beides. Heutzutage, wo Wohnungen verkauft werden, bevor sie gebaut sind, kann Kunden mit fotorealistischen Visualisierungen vermittelt werden, wie das neue Zuhause einmal aussehen wird – vor allem, wenn schon alles bis zu den Materialien festgelegt ist. Schlussendlich ist es eine Stilfrage. Ich persönlich arbeite sehr gerne an Wettbewerbsprojekten, die noch in der Entwicklung stehen. Da erhalte ich von den Architekten ein, zwei Wochen vor Abgabe die Pläne und oft werden anhand des 3D-Aufbaus noch Ungereimtheiten oder Details festgestellt, die noch besser und schöner gelöst werden können. In diesem Prozess kann ich die Architekten mit meinen Bildern also aktiv unterstützen. Das gefällt mir, da ich damit meinen Beitrag leiste, dass das Projekt so kommt, wie die Architekten es sich wünschen und vorgestellt haben.

 

 

Lisas Vision der Sukkulentensammlung Zürich.

Die Visualisierungsstudie war ihre Masterarbeit.

Licht, Schatten, Materialisierung und Farbgebung definieren Stimmung und Atmosphäre, die ein Projekt vermitteln soll. (VBZ Halle Zürich, Boltshauser Architekten)

Visualisierung für Boltshauser Architekten, die VBZ Halle Zürich.

Die Visualisierung eines Ersatzneubaus war Teil eines Wettbewerbbeitrags von Nimbus Architekten.  

Das Bild erhält durch die aquarelltechnik-anmutenden Elementen eine warme Komponente. 

Apropos Architekten. Du bist selber ETH Architektin. Wie kommt es, dass du nun nicht die Realität, sondern eine Vorstufe davon baust?
LL:
Ich habe immer gezeichnet, die Ausbildung zur Grafikerin war eine Zeitlang ebenfalls Thema für mich und vor dem Architekturstudium hatte ich noch den Vorkurs an der Kunstgewerbeschule absolviert. Bildliche Darstellung hat mich also schon immer interessiert. Auch während des Studiums interessierte mich dieser Bereich an der Architektur am meisten. Entsprechend schnell begann ich auch mit den ersten 3D-Programmen zu arbeiten, wie «Form Z», oder «SketchUp», und verfolgte mein Interesse weiter, indem ich ein Praktikum bei Raumgleiter machte – damals und heute eines der führenden Visualisierungsbüros. Was dazu führte, dass ich bereits während meines Studiums für Architekturbüros Visualisierungsaufträge annahm. Mein Glück war, dass es zu dem Zeitpunkt tatsächlich noch nicht so viele gab, die diese Verknüpfung von Architektur und 3D machten. 

 

Hast du die Wichtigkeit dieser Schnittstelle auch anderswo noch erlebt?
LL: Ja. Und zwar während eines Praktikums, das ich in einem Architekturbüro in Amsterdam machte. Ich lernte ein paar Entwickler von Guerilla Games kennen, die damals PlayStation 2 Games entwickelten. Und als sie erfuhren, dass ich Architektin bin, wollten sie wissen, ob ich denn eine mittelalterliche Stadt 3D aufbauen könnte und luden mich ein, bei ihnen vorbeizuschauen. Da lagen überall selbst gebastelte Kartonwaffen herum, Vorlagen, um digitale 3D-Waffen zu entwickeln. Und es gab Sprengräume im Keller, wo getestet wurde, wie Beton bei Explosionen fliegt ... Aber der Hintergrund eines Architekten fehlte. Aber obwohl ich theoretisch eine mittelalterliche Stadt 3D hätte aufbauen können – ich weiss ja, wie eine mittelalterliche Stadt funktioniert, und hätte erarbeiten können, wie ein Grundriss auszusehen hat – stimmte das Bild, 14 Stunden für ein Game hinter dem Computer zu verbringen, bleich und nerdig, doch nicht so mit meiner Vorstellung des idealen Jobs überein. (lacht)

 

Wie kann man sich denn nun genau die Entstehung einer Visualisierung vorstellen? Und was ist der Unterschied zwischen 3D und einer Visualisierung?
LL:
Als 3D bezeichnet man den dreidimensionalen Aufbau und die Visualisierung ist das Bild. Schritt 1 ist praktisch immer der 3D-Aufbau aus Plänen – ich verwende dazu «ArchiCAD», aber es gibt verschiedene Programme – bei der nächsten Etappe werden die Einstellungen zu Lichteinfall und Kamerapositionen und Kamerawinkel sowie die Materialisierung der Oberflächen definiert. Dafür arbeite ich mit «Cinema 4D». Und zu guter Letzt folgt der Feinschliff in «Photoshop»; da entwickle ich für das gerechnete Bild die gewünschte Atmosphäre und hier wird auch die Umgebung hinzugefügt – diese entsteht meist auf der Basis eines Umgebungsfotos, wird also nicht 3D aufgebaut.

 

Thema Modellbau ...
LL:
Ich liebe Modelle! Modelle haben eine haptische Aussage, die eine 3D-Visualisierung nicht erreichen kann, das gewisse Etwas. Gerade wenn man ein Modell baut, mit den Händen reingeht und gestaltet, bekommt man ein ganz eigenes Gefühl für den Entwurf, was für die Projektentwicklung immer positiv ist. Zu guter Letzt geht es immer um das Gebäude, und alles, was zu seiner Realisierung führt, ist Mittel zum Zweck. Man muss einfach wissen, wann welches Mittel Sinn macht. Es gibt Dinge, die erklärt und erarbeitet man besser in einem Schnitt oder Grundriss, und dann gibt es Momente, die am besten durch 3D und eine Visualisierung geklärt werden.

Schritt 1: Umsetzung vom Grundriss/Schnitt in 3D (ArchiCAD).

Schritt 2: Darstellung ähnlich einem Gipsmodell, Kamerastandpunkt und Lichtstimmung werden festgelegt (Cinema 4D), Details überprüft und korrigiert.

Schritt 3: «Gipsmodell» wird materialisiert (Cinema4D) und anschliessend im Detail korrigiert und belebt – mit einer Umgebung, mit Menschen, Objekte, Pflanzen, etc. (Photoshop).