Licht und Schatten

Mexiko: Casa Zicatela

Zwei Franzosen – ein Architekt und ein Designer  – haben in Mexiko ein Haus gebaut, das von aussen schroff wie ein Bunker wirkt, im Innern aber offen und hell ist und an einen aztekischen Tempel erinnert.

Dass der Architekt Ludwig Godefroy und der Designer Emmanuel Picault gemeinsam einige der bedeutendsten architektonischen Projekte Mexikos realisiert haben, nennen sie selbst puren Zufall. Sie seien, so die beiden Franzosen, bloss zwei Individuen, die zufälligerweise zusammengearbeitet hätten. Auch nach dem Ende ihrer siebenjährigen Zusammenarbeit behält ihr Werk seine Bedeutung in der mexikanischen Architekturszene.

Casa Zicatela, ein Familienferienhaus im mexikanischen Bundestaat Oaxaca, das Godefroy und Picault von Grund auf geplant und realisiert haben, beweist, warum.

Eine Freiluft-Festung

Das Projekt war das Erste, das die beiden Kreativen von A bis Z gestaltet haben. Während Godefroy für die Architektur verantwortlich war, kümmerte sich Picault um die Innenausstattung. Entstanden ist ein Bauwerk, das geprägt ist von Gegensätzen. Gegensätze, die laut den beiden Gestaltern gezwungenermas-sen zustande kamen. Bereits der Standort von Casa Zicatela mutet besonders an: In Richtung Westen erblickt man Berge und üppige Agaveplantagen, gegen Osten das Meer und belebte Strände.

Dass der nahegelegene Zicatela-Strand als Hotspot für Surfer gilt, ist hier kaum spürbar. Das Anwesen ist anders als typische Strandhäuser in der Region und passt damit zu seiner dualen Umgebung. Von aussen wirkt es wie eine Festung, schutzbietend vor den monumentalen Bergen auf der Rückseite. Im Inneren verfügt das Haus über weite, offene Flächen, die die Grenzen zwischen Innen- und Aussenbereich verschwimmen lassen. Normalerweise sind es die Menschen, die sich den Mauern, in denen sie leben, fügen – im Falle der Casa Zicatela ist es genau umgekehrt.

Normannischer Einfluss

Das Gebäude wurde auf einer 300 Quadratmeter grossen Fläche gebaut, in einem Stil, der als «defensive Architektur» bezeichnet werden könnte. Die Aussenmauer aus Beton umfasst das Gelände ganz. Es gibt keine Fenster, keine Öffnungen gegen aussen. Einzig massive Drehtüren aus Holz lassen erahnen, dass sich hinter der Fassade Leben befindet.

Die Architekten haben mit dieser Bauweise ein Stück ihrer französischen Heimat in ihre neue, mexikanische Wahlheimat gebracht. Und so erinnert der bunkerartige Bau stark an die zahlreichen Betonfestungen, die seit dem Zweiten Weltkrieg an der Küste der Normandie zu finden sind. Dass die Fassade keinen Blick auf die Umgebung freigibt, schränkt das Freiheitsgefühl der Bewohner aber in keinster Weise ein. Im Inneren der Mauern erfährt man nämlich ein solches, das seinesgleichen sucht.

 

Durch die Reduktion auf das Wesentliche strahlen die Innenräume irdische Ruhe aus.

Von aussen lässt sich nur schwer erahnen, was sich hinter der bunkerartigen Fassade von Casa Zicatela verbergen könnte. 

Auch innerhalb der Mauern geniessen die Bewohner freie Sicht in Richtung Himmel. 

Nebst schalungsrauem Beton im Inneren sowie ausserhalb des Gebäues, ist Holz das einzige verwendete Material. 

Flexible Raumeinteilung

Während die Aussenansicht an eine normannische Festung erinnert, trifft man im Inneren der Betonmauern auf Einflüsse der aztekischen Kultur: Pyramidenartige Treppen und offene Fläche gleichen einem altamerikanischen Tempel und schenken den Bewohnern die Ruhe, die sie sich als Ausgleich zum hektischen Alltagsleben in Mexiko-City wünschen. Die drei Zimmer, die das Haus umfasst, sind geprägt von klaren, geometrischen Strukturen. Wenngleich diese auf den ersten Blick statuesk anmuten, bringen diese in Kombination mit dem Licht, das durch die Öffnungen an der Decke und durch die hölzernen Fensterläden fällt, ständig Leben in das Haus. So entdeckt man faszinierende Licht- und Schattenspiele, ob im offenen Wohnraum, im Schwimmbad oder im Garten.

Dieses Licht ist es auch, das Godefroy dazu bewogen hat, ein Haus zu konstruieren, dessen Räume keinen vorgegebenen Funktionen dienen. Es sei einzigartig, sagt er, und führe dazu, dass die Räume und deren Nutzung flexibel gestaltet werden können. Der offene Wohnraum kann, muss aber nicht, unterteilt werden. Dafür wurden fast raumhohe Fensterläden aus Holz angebracht, die als Türen oder Fenster fungieren. Werden sie geschlossen, kreieren sie eine Grenze zwischen innen und aussen, bleiben sie geöffnet, erfahren die Bewohner ein Wohngefühl der absoluten Freiheit.    

Ort und Funktion als Taktgeber

Dass das Haus unweigerlich Emotionen weckt, kommt nicht von ungefähr. Sie resultieren aus dem Stil des Architekten und des Designers, mit dem sie ihre gemeinsamen Projekte stets angegangen sind. Sie berücksichtigen und honorieren nämlich einerseits den Standort sowie die Funktion, die die zukünftigen Räumlichkeiten zu erfüllen haben. So entstanden in diesem Fall Wohnräume, die den Ansprüchen der Besitzer nach Ruhe und Privatsphäre gerecht werden und die gleichzeitig mit der Umgebung zu verschmelzen scheinen. Die alleinige Verwendung von Holz und Beton lässt das Haus wie einen natürlichen Teil der Region erscheinen.

Die karge Fassade der Casa Zicatela verrät nicht, was sich hinter den massiven Holztüren verbirgt.

 

Im Inneren des Hauses führt das Nichtvorhandensein von festen Türen und Fenstern dazu, dass die Räume flexibel den Bedürfnissen der Bewohner angepasst werden können. Ist ihnen nach mehr Intimität zumute, können die als Türen agierenden Holzläden geschlossen und einzelne Räume kreiert werden. Wünschen sie sich maximale Bewegungs- und Sichtfreiheit, kann durch die Öffnung dieser flexiblen Raumteiler eine einzige grosse Fläche geschaffen werden. Dass trotz dieser Weite ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit herrscht, dafür sorgen die grossen, monolithischen Betontreppenstufen, die die Wohnfläche umgeben. Diese hohen, an einen aztekischen Tempel erinnernden Stufen haben zur Folge, dass die einzige, konstante Sicht der Bewohner diejenige gegen den Himmel ist. Wie bezeichnend für ein Haus, das auch im Inneren der Mauern ein Wohngefühl der absoluten Freiheit vermittelt.

Wenngleich Godefroy und Picault ihre Zusammenarbeit mittlerweile nach sieben Jahren beendet haben und beruflich getrennte Wege gehen, werden sie in Mexiko als eine der einflussreichsten Architekturkollaborationen in Erinnerung bleiben.

 

Den Artikel mit weiteren Fotos finden Sie in der Ausgabe 02/2019 von Atrium.