In Bewegung

Porträt: Ruumfabrigg

Falls es so etwas wie das klassische Architekturbüro geben sollte oder eine Anleitung zur Gründung eines solchen, so hat sich Ruumfabrigg sicher nicht an diese gängigen Vorgaben gehalten. Pascal Marx, Nina Cattaneo und Bettina Marti heben sich schon durch die Zusammensetzung ihres Trios von anderen jungen Architekturbüros ab. Die beiden ETH-Architekten Nina und Pascal haben mit Bettina jemanden an ihrer Seite, der durch den Master of Science in Business Administration Verwaltung und Buchhaltung von der Pike auf gelernt hat. Doch eine strikte Aufgabenteilung, wie man sie vermuten würde, gibt es nicht.

Nina Cattaneo, Bettina Marti und Pascal Marx (von links) sind Ruumfabrigg.

«Wir schätzen die Aussensicht, die Bettina in unsere Projekte einbringt», sagt Nina und spricht damit schon die offene Diskussionskultur an, die bei Ruumfabrigg herrscht. Diskutiert wird nicht nur über Entwürfe, sondern auch über den Weg, den sie als Architekturbüro gehen, über Prozesse, Ideologien und Rollenverteilungen. Oder, wie Pascal sagt: «Wir entwickeln uns als Büro ständig weiter. Wir laufen, justieren, laufen ...» Genau diese Dynamik und Offenheit macht sich auch in ihren Projekten bemerkbar. Jede Bauaufgabe, egal, ob Neu- oder Umbau, verlange nach spezifischen Lösungen. Dabei gelte es, die Qualitäten von Gebäuden und Orten zu erkennen und Potenziale aufzudecken, die sich dem Betrachter vielleicht erst auf den zweiten Blick erschliessen. So ist Ruumfabrigg auch nicht dafür, ein Gebäude um jeden Preis zu erhalten. «Wenn die architektonische Analyse zeigt, dass ein Neubau sinnvoller wäre, dann raten wir zu einem Neubau», sagt Nina, «denn auch das Erhalten braucht einen Grund.» Die Umbauprojekte, die die jungen Architekten bisher ausführen durften, zeigen eindrücklich, wie es ihnen gelingt, durch eine eingehende Analyse und ein stimmiges Konzept die Stärken eines Altbaus herauszuarbeiten.

Beim Haus Schöfzig überwogen die Stärken des Altbaus, sodass die erste Idee, das Gebäude durch einen Neubau zu ersetzen, schnell ad acta gelegt werden konnte.

Das Gebäude, hier eine Aufnahme aus der Zeit vor dem Umbau, wurde 1778 erstellt. Da es ausserhalb der Bauzone steht, war der Umbau zusätzlichen Restriktionen unterworfen.

Der ursprüngliche Strickbau blieb in seinem äusseren und inneren Ausdruck erhalten, wurde aber dennoch in die Gegenwart überführt. Der Anbau ergänzt mit seiner Holzfassade harmonisch den Altbau, ohne sich anzubiedern.

Der Anbau öffnet sich mit einem schlanken, liegenden Übereck-Fenster zum Walensee.

Alt und Neu treffen aufeinander, ergänzen und bereichern sich.

Die Küche im Anbau, über der sich das Badezimmer befindet, öffnet sich zum überhohen Essbereich.

Der Anbau bietet durch die deutliche Überhöhe, das grosszügige Übereckfenster, sowie die repetitive, fast monotone Oberfläche der Holzwerkstoffplatte einen Kontrast zu den Qualitäten in den sanierten Räumen im bestehenden Teil.

Alt- und Neubau gehen scheinbar nahtlos ineinander über. Diesen Eindruck unterstützt auch der durchgehende Bodenbelag aus geschliffenem Hartbeton.

Ein Speicherofen im Erdgeschoss ergänzt die aussen stehende Luft-Wasser-Wärmepumpe in sehr kalten Tagen und Übergangszeiten.

Das Schlafzimmer im Obergeschoss profitiert von Fenstern in Richtung Walensee und zu den Churfirsten. Die alten Strickwände verleihen dem Raum seinen Charme.

An einem Obsthain am Hang, der den alten Dorfkern von Filzbach mit den neuen Siedlungen verbindet, entwarfen Ruumfabrigg gemeinsam mit MMXVI das Haus am Hang. L-förmig steht das Haus auf dem Grundstück und umfliesst einen grossen Findling – eine spezifische Lösung, die auf den Ort ebenso reagiert wie auf die Bedürfnisse der Bauherrschaft.

Haus am Hang.

Anstatt den Findling abzutragen, wurde er in den Entwurf mit eingebunden. Er schliesst den oberen, windgeschützten Wohn-Hof.

Auch im Innenraum bleiben die Terrassierung und die Hanglage das entwurfsgebende Thema. Verschiedene Ebenen und Ausblicke kreieren einen lebendigen Innenraum und verschiedenartige Aussenraumbezüge. Im Wohnzimmer öffnet sich der Blick über den Wohn-Hof zur Bergkulisse, während Esszimmer/Küche einen direkten Bezug, sowie eine offene Benützung mit den Wohn-Hof ermöglichen.

In intensiven Gesprächen mit den Bauherren eruieren Nina und Pascal deren Wünsche, wobei sie versuchen, diese nicht in direkten Bildern, sondern an Bedürfnissen festzumachen. Zudem fördern sie in den Diskussionen das Verständnis für Architektur im Allgemeinen. Die breite Öffentlichkeit für Architektur zu sensibilisieren, liegt Nina und Pascal generell am Herzen. Daher betätigen sie sich zusätzlich unter anderem in der Nutzungsplanung Glarus Nord, auch mit architektonischen Dorfspaziergängen für Interessierte, und Pascal zudem als Bauberater der Kantonalen Denkmalpflege Schwyz; das von Ruumfabrigg gemeinsam mit STW AG für Raumplanung entwickelte Konzept der «räumlichen Dorfbilder» wurde als Baustein in die Nutzungsplanung aufgenommen. «Die Publikationsreihe analysiert und beurteilt die vorhandenen baulichen Strukturen, zeigt Potenziale und allfälligen Handlungsbedarf auf», so die Architekten. «Die räumlichen Dorfbilder sind ein erweiterbares und anpassungsfähiges Arbeitsinstrument für Bauherren, Planer, Behördenmitglieder und Interessierte.» An Engagement und Kreativität fehlt es Ruumfabrigg also sicher nicht. Und auch nicht an Mut und Weitsicht, was sich auch an ihren zwei Bürostandorten in Obstalden, Kanton Glarus, und Zürich zeigt.

Projekt Höckler: Das 150-jährige Wohnhaus mit angebautem Stall bildet mit zwei freistehenden jüngeren Gewerbebauten einen Weiler.

Wo vor dem Umbau kleine Kammern heutigen Wohnansprüchen entgegenstanden, formt heute eine baumartige Struktur eine offene und grosszügige Wohnfigur über drei Geschosse.

Die neuen Böden, Decken und Wände sind einfache Rechtecke, die kaum Struktur aufweisen und so die lebhafte Bruchsteinmauer kontrastieren.

Die Struktur aus tragenden Stützen und Balken liegt auf den Rücksprüngen der bestehenden Aussenwände auf.

Bestand und Neubau bleiben ablesbar und stehen in einer sichtbaren konstruktiven Beziehung zueinander.

Eine neue Struktur aus tragenden Stützen und Balken mit horizontalen und vertikalen Füllflächen bildet den neuen Wohnraum, der durch die mächtigen Bruchsteinmauern charakterisiert wird.

Natürliche Materialien ergänzen das Bruchsteinmauerwerk.

In den Räumen ist die Konstruktion stets präsent.

Einen interessanten Einblick nicht nur in den Umbau Höckler, sondern auch in die Arbeits- und Gedankenwelt von Ruumfabrigg, gibt dieser Film: